Wer braucht schon ein Komma?

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So titelte am 05. Januar 2018 ein Beitrag von Werner J. Patzelt in der Sächsischen Zeitung. Werner J. Patzelt ist Inhaber der Professur für Politische Systeme und Systemvergleich an der TU Dresden und Gründungsprofessor des Dresdner Instituts für Politikwissenschaft. In seiner Kolumne zeigte sich der Politikwissenschaftler über den aktuell zu verzeichnenden Bildungsstand in Deutschland besorgt. Beispielhaft stellte er fest, dass immer weniger Leute wüssten, was es an gemeinsamer Kultur in Deutschland wirklich gäbe und dass es offensichtlich nicht nur bei den heutigen Absolventen der Oberschule, sondern durchaus auch, wenn vielleicht auch weniger ausgeprägt, bei den Hochschulabsolventen um die Beherrschung der Grundrechenarten nicht gut bestellt sei. Diese Feststellung mag vielen Mitbürgern nur ein müdes Lächeln abringen, sind wir im Zeitalter von iPhone & Co. doch fast rund um die Uhr mit einem leistungsstarken Rechner im Miniaturformat ausgestattet, der die Lösung von Grundrechenaufgaben jederzeit gern für uns übernimmt. Ausbildenden Handwerksbetrieben beispielsweise ist dieses Lächeln aber wohl längst vergangen, da ihnen dieser mangelnde Ehrgeiz, doch zumindest mathematische Grundfertigkeiten zu besitzen, es weithin sehr, sehr schwer macht, für den dringend benötigten Nachwuchs an Fachkräften zu sorgen. Doch auch der heutzutage anzutreffende, sehr nachlässige Umgang mit Orthografie und Zeichensetzung wurde von Werner Patzelt zu Recht kritisiert und ein bemerkenswerter Vergleich zur Situation im Deutschen Kaiserreich gezogen, wo „die meisten Dienstmädchen richtig, sogar leserlich schreiben konnten“.  

Zugegeben: Seit dem Tag, an dem Kaiser Wilhelm II. abdankte, hat sich vieles verändert und auch die Sprache und die Umgangsformen sind heute nicht mehr die gleichen wie zu Zeiten des letzten deutschen Kaisers. „Zum Glück!“, werden jetzt Viele denken. Dieser Auffassung kann und soll an dieser Stelle nicht widersprochen werden, eröffnen die neuen Kommunikationsformen doch auch ganz andere Möglichkeiten, an die man im Deutschen Kaiserreich noch nicht einmal denken konnte, die man aber gleichwohl auch schon damals sicherlich sehr zu schätzen gewusst hätte. Lediglich exemplarisch und stellvertretend für all die anderen positiv zu bewertenden Segnungen der modernen Kommunikationstechnik sei der schnelle und unkomplizierte Informationsaustausch über Grenzen und Kontinente hinweg genannt. Zu Zeiten des letzten deutschen Kaisers war ein Brief, den ein in Argentinien lebender Sohn seiner Mutter in Deutschland schrieb, viele Wochen unterwegs. Dank Skype®, WhatsApp®, Threema® und all der anderen Kommunikationsdienste können wir heutzutage nahezu problemlos rund um die Welt schnell und kostengünstig kommunizieren. Diese Möglichkeiten sind wunderbar und dies will auch niemand in Abrede stellen.

Bedauerlicherweise ist jedoch auch festzustellen, dass die Kommunikation via E-Mail und Messenger bei immer mehr Nutzern zu der Annahme führt, dass die Beachtung dessen, was man in der Grundschule im Deutschunterricht einmal gelernt hat, nicht mehr wichtig sei. Immer häufiger erhält man E-Mails, in denen das Wort „dass“ zwar mehrfach Verwendung findet, das aber zwingend voranzustellende Komma sucht man vergebens. Auch die Beachtung der Groß- und Kleinschreibung scheint beim Informationstransfer via E-Mail als entbehrlich empfunden zu werden. Noch schlimmer fällt der Befund bei der Betrachtung der Kommunikation per Messenger aus. Dieses Kommunikationsmedium verleitet in beängstigendem Ausmaß dazu, gar nicht mehr in ganzen Sätzen zu kommunizieren. Nur allzu oft erhält man nur noch ein, zwei, höchstens drei Worte als Antwort, die im konkreten Fall ganz sicher keinen vollständigen Satz bilden. Oder man beschränkt sich gänzlich auf das Versenden eines passend erscheinenden Emoticons. Doch worauf gründet nur diese Annahme, dass die Einhaltung von Orthografie und Grammatik bei der Verwendung moderner Kommunikationsmedien vernachlässigbar ist? Sicher, unser Leben hat an Geschwindigkeit enorm zugenommen und so sieht der Empfänger einer Nachricht gern über den einen oder anderen Flüchtigkeitsfehler hinweg, ist er sich doch des Umstandes bewusst, dass auch seine eigenen Nachrichten nicht gänzlich frei von Fehlern sind. Dieser Ansatz ist charmant und eine gewisse Toleranz ist im täglichen Umgang miteinander auch unerlässlich. Gleichwohl sollte uns bei alledem der Ehrgeiz nicht abhanden kommen, die Regeln der deutschen Sprache richtig anzuwenden. Eine E-Mail ist im Kern nichts anderes als ein ganz normaler Brief oder eine Postkarte, lediglich die Art ihrer Übermittlung ist verschieden. Ist es also für uns alle selbstverständlich, beim Verfassen eines traditionellen Briefes die Groß- und Kleinschreibung und die Regeln der Zeichensetzung zu beachten, ist es unverständlich, weshalb dies für eine E-Mail erlässlich oder weniger bedeutsam sein soll. Und noch einen Punkt sollte man stets vor Augen haben: Der häufig bei der Verwendung von Messengern anzutreffende Verzicht auf die Bildung ganzer und grammatikalisch korrekter Sätze birgt das ganz erhebliche Risiko von Missverständnissen in sich. So manche Irritation könnte mit Sicherheit vermieden werden, wenn der Einhaltung von Orthografie und Grammatik wieder etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden würde.

Wer braucht schon ein Komma? – Die Antwort auf diese Frage kann nur lauten: Wir alle!

 

Download des Beitrags "Wer braucht schon ein Komma?"

Download des Artikels von Werner Patzelt, SZ v. 05.01.2018

 

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